Interview mit Helga Kretschmer (Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.)

Interview mit Helga Kretschmer (Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.)

Frau Helga Kretschmer von der Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. im Gespräch mit ClaraVital. Frau Kretschmer gibt Einblicke in Ihren Beratungsalltag und geht dabei im Besonderen auf den Umgang und die Kommunikation mit demenziell veränderten Menschen ein. Sie wendet in ihrer Arbeit den Ansatz der Validation nach Naomi Feil an und schult auch Angehörige und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Kommunikation und Umgang mit Menschen mit Demenz.

ClaraVital: Was ist der wesentliche Aufgabenbereich der Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. und wie sieht die tägliche Beratung aus?

Helga Kretschmer: Die Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. wurde vor über 20 Jahren als Selbsthilfeorganisation für Demenzkranke und deren Angehörige gegründet. Wie in Hamburg, gibt es mittlerweile in allen Bundesländern Alzheimer Gesellschaften. Der zentrale Dachverband ist die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, die ihren Sitz in Berlin hat.

Basierend auf der Kernidee Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, bieten wir heute Beratung, Information, Begleitung und Unterstützung sowohl für Betroffene als auch für Angehörige an. Meistens wenden sich die Leute kurz nach Erhalt der Diagnose an uns, da sie Rat für den Umgang mit dem Angehörigen und Informationen zu möglichen Hilfen brauchen, aber auch um allgemeine Punkte zu klären oder in dieser schwierigen Phase einfach mit jemandem zu sprechen. Neben einem „Alzheimer-Telefon“, an dem geschulte Mitarbeiter zum Thema Demenz und Hilfen beraten, bieten wir auch Kurse und Gesprächsgruppen für Angehörige an. Darüber hinaus bieten wir auch Beratung und Gesprächsgruppen für Menschen mit beginnender Demenz an. Dazu gehört neben den „Tagestreffs“ auch ein Tagesangebot. Sinn ist es, die Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung zu holen, ihnen den Kontakt zu anderen Betroffenen zu ermöglichen und einen abwechslungsreichen Alltag zu bieten. Gleichzeitig dienen diese Treffen dazu, Angehörigen eine Auszeit zu ermöglichen. Meist besteht eine Gruppe aus acht bis neun Menschen mit Demenz, zwei Fachkräften und einer geschulten ehrenamtlichen Person. Gemeinsam reden wir über das Befinden und die Gefühle der Betroffenen und unternehmen kleinere Ausflüge. Auch bieten wir für Angehörige und Menschen mit Demenz betreute Urlaubsreisen nach Rerik an der Ostsee oder Baabe auf Rügen an. Dies hilft den Betroffenen aus dem Alltag voller Barrieren herauszukommen und sie zu aktivieren. Das Wichtigste ist, dass wir Menschen mit einer Demenz auf Augenhöhe begegnen und aktiv mit einbeziehen.

ClaraVital: Was ist für Angehörige bei der Kommunikation mit Demenzkranken wichtig?

Helga Kretschmer: Das lässt sich nicht allgemein zusammenfassen, da man schon zwischen den verschiedenen Phasen der Demenz unterscheiden muss. Im frühen Stadium, wie wir es meistens in unserem Tagestreff erleben, ist es tatsächlich gut möglich, verbal und auf sachlicher Ebene zu kommunizieren. Es hängt von der Tageszeit, der täglichen Stimmung und der Persönlichkeit des Menschen mit Demenz ab, wie reibungslos die Kommunikation verläuft. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung befinden sich Menschen mit Demenz mental in der Vergangenheit und können sich nicht oder nur schwer in Bezüge der Gegenwart einfügen. Grundlegend gibt es daher immer einige Dinge zu beachten.

Um Menschen mit Demenz ein gutes Gefühl und Sicherheit zu geben, sollte die Person in einem liebevollen und wohlwollenden Ton angesprochen werden. Auch gilt es in der Kommunikation Geduld zu haben, die Personen nicht zu überfordern und Verständnis zu zeigen. Schließlich gilt es in der Kommunikation die Gefühlsebene zu beachten und einzusetzen. Es ist sehr hilfreich, wenn man die Gefühle der Person wahrnimmt und wertschätzt sowie auch die eigene Gefühle zeigt. Ist eine Orientierung über den Verstand nicht mehr möglich, tritt eine Orientierung über Emotionen bei Menschen mit Demenz in den Vordergrund. Bei Gesprächen sollte auch darauf geachtet werden immer ruhig und langsam in einfachen Sätzen zu kommunizieren, um den gegenüber nicht zu überfordern. Antworten können ruhig von einem selber wiederholt werden, um zu zeigen, dass man das Anliegen verstanden hat. Auf jeden Fall sollte jedoch auf das Gesagte eingegangen werden und gegebenenfalls Hilfestellung geleistet werden. Hilfreich ist es, Gesprochenes mit Eindrücken für alle Sinne zu untermalen. Fragt man beispielsweise, ob die erkrankte Person einen Apfel möchte, kann man diesen gleichzeitig zeigen und zum Fühlen in die Hand geben. Hierbei ist auch darauf zu achten, ein reduziertes Angebot zu schaffen, um die Person nicht mit einer großen Auswahl zu überfordern. Als Angehöriger sollte man wissen, dass Menschen mit einer Demenz oft ungehemmt und sehr direkt ihre Meinung sagen. Unfreundliche Kommentare sollten hier nicht persönlich genommen werden, da sie auf die Krankheit zurückzuführen sind.

ClaraVital: Was sind schwierige Situationen, die Konflikte auslösen können und wie gehe ich damit um?

Helga Kretschmer: Die häufigsten Konfliktsituationen entstehen tatsächlich dadurch, dass sich Betroffene nicht verstanden oder außen vor gelassen fühlen. Solche Gefühle werden häufig unbewusst von Angehörigen oder Menschen in der Umgebung ausgelöst. In einem Gespräch wütend oder vorwurfsvoll zu reagieren oder die Handlungen der erkrankten Person zu bewerten, sind häufige Fehler, die es zu vermeiden gilt. Auch sich selbst als Angehöriger zurückzustellen und keine externe Hilfe anzunehmen, weil man denkt man wüsste als einziger die Bedürfnisse des Menschen mit Demenz richtig zu schätzen, führt häufig zur Überforderung und damit zu Fehlverhalten.

In erster Linie gilt es bei Konflikten, diese erst gar nicht entstehen zu lassen. Bei Überforderung, beginnender Wut oder Unverständnis ist es ratsam, sich eine Auszeit zu nehmen und beispielsweise eine Nachbarin oder Pflegehilfe, zu bitten, den Angehörigen kurzzeitig zu betreuen.
Ein neues Gesicht oder eine neue Situation verändert oft auch die Stimmung des Dementen, sodass sich vielleicht die Kommunikation verbessert.

Eine Patentlösung für mögliche Alltagskonflikte ist leider nicht bekannt, bei schwierigen Themen gibt es jedoch häufig Tricks, die Streits und Aggression vermeiden können.
Ein Paradebeispiel ist das Thema Autofahren. Besonders Männer lassen sich nur schwer davon überzeugen, das Autofahren aufzugeben. Am besten ist es, wenn man die betroffenen Personen selbst auf die Idee bringt, dass das Fahren mit dem Auto keine gute Idee mehr ist. Zielführend könnten Argumente sein wie, dass die Parkplatzsuche sowieso immer schwer ist oder, dass die Kosten für das Auto zu hoch werden. So hat die Person nicht das Gefühl, dass das Auto seinetwegen abgegeben werden muss und versteht vielleicht sogar die Notwendigkeit dahinter. Auch andere schwierige Situationen im Alltag kann man am besten lösen, indem man ruhig bleibt und nicht auf die Krankheit oder das merkwürdige Verhalten anspielt.

Gefährdet sich ein Mensch mit Demenz z.B., indem er ein Messer wie eine Gabel benutzt, so kann er beispielsweise zum Abgeben des Messers bewegt werden, indem man etwa sagt: „Mein Messer ist so stumpf, kannst du mir mal Deines geben?“. So hat er mehr das Gefühl zu helfen als etwas falsch zu machen.

Um Missgeschicke durch Inkontinenz zu vermeiden, gelingt es häufig Menschen mit Demenz zum Gang zur Toilette zu bewegen, wenn man zum Ausdruck bringt, gerade auch selbst dorthin zu wollen. „Ich wollte gerade auf die Toilette gehen – haben Sie nicht Lust mitzukommen?“

Wenn diese Vorgehensweise nichts nützt, ist es meist am besten, sich bei anbahnenden Konflikten zurückzuziehen. Sobald jedoch Gefahr droht – etwa wenn die erkrankte Person bei Minusgeraden im T-Shirt rausgehen will – sollte man selbstverständlich nachdrücklich handeln, um unangenehme Folgen zu vermeiden. Im speziellen Fall des Autofahrens hilft oft nur ein Polizist oder eine andere Autoritätsperson, die die Person über seine Fahruntüchtigkeit informiert, denn der Respekt vor solchen Autoritäten ist tief im Bewusstsein der Betroffenen verankert.

ClaraVital: Zu Beginn haben Sie über die Kommunikation mit Menschen mit Demenz in einer frühen Phase gesprochen. Wie kann man auch in späteren Krankheitsstadien Zugang zu den Dementen erlangen?

Helga Kretschmer: Auch in fortgeschrittenen Phasen der Demenz ist der Kontakt zu den Betroffenen noch sehr wichtig, damit sie nicht vereinsamen. Viele Angehörige sind damit jedoch überfordert, da eine verbale Kommunikation nicht mehr möglich ist und die Personen wenig Reaktion auf Kontaktversuche zeigen. Es ist dann hilfreich sich in der Kommunikation auf noch vorhandene Ressourcen zur Orientierung, nämlich der Wahrnehmung von Gefühlen, zu konzentrieren. Selbst wenn der Verstand schwindet bleibt die Wahrnehmung von Emotionen unverändert bzw. sie intensiviert sich sogar.

Mithilfe der Mimik und Gestik kann man entweder das Gefühl der Betroffenen widerspiegeln und ihm zeigen, dass man ihn versteht, oder ihm seine eigenen Gefühle vermitteln. Darauf reagieren Menschen mit Demenz meistens, da man sich auf ihrer Wahrnehmungsebene bewegt. Wichtig ist jedoch, dass man keine Gefühle vorspielt. In der Demenz sensibilisiert sich auch das Gespür für andere Menschen. Menschen mit aufgesetztem Lächeln werden sofort entlarvt und als nicht vertrauenswürdig eingestuft.

Auch mithilfe von Musik kann man eine Stimmung widerspiegeln oder erzeugen. Sowieso ist Musik auch bis in die späte Phase der Demenz ein Schlüssel zu den Gedanken und Gefühlen der Betroffenen. Sie reagieren darauf erstaunlich gut. So kann man selbst in sich gekehrte Menschen mit Liedern aus ihrer Vergangenheit zum Lachen, Singen und Tanzen bewegen. Eine weitere Möglichkeit, um Zugang zu erhalten, ist der direkte Blickkontakt, das Imitieren von Bewegungen – wie etwa die Berührung des Armes – sowie leichte liebevolle Berührungen. Mit alldem erfahren Menschen mit Demenz Verständnis und Zuneigung, wodurch die Kontaktherstellung erleichtert wird.

ClaraVital: Welche Rolle spielt die Biographie und was kann man damit erreichen?

Helga Kretschmer: Die Biographie spielt eine sehr große Rolle beim Umgang mit Menschen mit Demenz. Mit Biographie ist gemeint, die Vergangenheit des Betroffenen gut zu kennen und damit zu arbeiten. Mithilfe dieses Wissens, kann man die Erkrankten im Laufe der Krankheit „öffnen“ und die Erfahrung als Person herstellen. Besonders die Kind- und Jugendzeit ist noch fest im Gedächtnis verankert. Wenn man gezielt danach fragt oder auch auf den Beruf oder andere wichtige Lebensereignissen anspielt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Betroffene anfängt Geschichten zu erzählen und sich an vieles erinnert. So ist die Biographie eine Einleitung zu aktivierenden Gesprächen und fordert das Gedächtnis der betroffenen Person. Auch kann die Biographie die Grundlage für Alltagsbeschäftigungen bieten. Man erfährt beispielsweise, was die Person früher gerne getan hat und was nicht, und vor allem wie er es getan hat. Nach diesen Erzählungen kann man sich richten, wenn man gemeinsam spielt oder Aufgaben erledigt. Beschäftigt man sich mit der Biographie der betroffenen Person, gibt man ihm damit ein Gefühl der Wichtigkeit und Würde. Es ist jedoch im Hinterkopf zu behalten, dass einem die Biographie der Person in der Regel nur gefiltert vorliegt. Über die innersten Gedanken, Gefühle und Wünsche eines Menschen weiß man selbst nach ausgiebiger Recherche nicht alles.

ClaraVital: Nach welchem Leitschema kommunizieren Sie selbst mit Menschen mit Demenz und was macht ihre Vorgehensweise aus?

Helga Kretschmer: Bei Menschen mit Demenz kommt man in vielen Situationen mit realitätsnahen Erklärungen und Hinweisen nicht weiter. Nehmen wir als Beispiel eine demenziell veränderte Frau, die zu Ihrer Mutter möchte, obwohl diese schon seit vielen Jahren tot ist. Ein Verfechter des Realitätsorientierungstrainings (ROT) würde zunächst versuchen der Betroffenen klar zu machen, dass die Mutter heute schon sehr alt wäre und nicht mehr lebt, und sich dann einer „Therapeutischen Lüge“ bedienen. Letztere könnte etwa so aussehen, dass er sagt, er habe gerade mit der Mutter telefoniert und sie würde am nächsten Tag zu Besuch kommen. Diese Methode ist allerdings meist nicht sehr ratsam, da die Konfrontation mit der Realität zu Verwirrung und Angst führen kann und die Gefühle nicht wirklich angesprochen werden.

Aus diesem Grund arbeite ich nach dem Prinzip der Validation von Naomi Feil. Validation ist eine Kommunikationsform, die es erleichtert mit geistig verwirrten Menschen Kontakt aufzubauen und dabei fundamentale humane Wertvorstellungen berücksichtigt. Hier liegt der Fokus auf den Gefühlen des Dementen. Wenn Gefühle unterdrückt werden wird dabei aus einer „Katze ein Tiger“, was zu erheblichen inneren Spannungen führt. Deshalb muss man einen Weg finden, diese Spannung zu lösen. Man erreicht dies, indem man den Schritten der Validation folgt und mit dem Menschen mit Demenz über die Gefühle redet. Dieser muss dabei ernst genommen werden und man selbst spricht sein Verständnis über die Emotionen aus. Mithilfe der W-Fragen geht man tiefer in das Gefühlsleben des Betroffenen ein. Nur das Fragewort „Warum“ sollte man aus seinem Wortschatz streichen, da eine solche Frage sehr umfangreiche Antworten erwarten lässt und einen Dementen schnell überfordert. Im Fall des oberen Beispiels, fragt man beispielsweise, was der Demente am meisten an der Mutter vermisst. Schon allein darüber zu reden wird den Betroffenen erleichtern. Das Prinzip der Validation basiert auf Empathie. Deshalb ist es viel wichtiger – als jedes Wort der Antwort zu verstehen – die Gefühle aufzufangen und sein Mitgefühl zu zeigen. Der Vorgang schafft Vertrauen und mildert die Angst der Betroffenen, was einen rein vegetativen Zustand zu verhindern hilft.

Angaben zum Interview

Logo Alzheimer Gesellschaft Hamburg Die Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. wurde vor über 20 Jahren als Mitgliedsgesellschaft der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gegründet und widmet sich seither der Beratung und Hilfe von demenziell veränderten Menschen und ihren Angehörigen. Das Angebot basiert auf der Kernidee Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und beinhaltet neben telefonischen oder persönlichen Beratungsgesprächen auch gemeinsame Aktivitäten, Ausflüge und Kurse, die von einem Team aus festangestellten Experten und geschulten Ehrenamtlichen betreut werden.
Helga Kretschmer unterstützt die Alzheimer Gesellschaft Hamburg seit vielen Jahren und ist in Einzel- und Gruppenvalidation nach Naomi Feil und der Klangschalenarbeit nach Peter Hess zertifiziert.Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V. – ein Überblick:

• Ca. 460 Mitglieder
• Ca. 80 ehrenamtlich Tätige
• Angebote für Betroffene Tagestreff für Menschen mit einer beginnenden Demenz
Musik- und Tanzveranstaltungen
Betreute Urlaubsreisen nach Rerik oder Rügen
Einzel- und Gruppenbetreuung
• Angebote für Angehörige telefonische und persönliche Beratung
Gesprächsgruppen
Kurse rund um die Pflege

Mehr Informationen unter www.alzheimer-hamburg.de

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