Interview: Ernährung im Alter – Auf was muss ich achten? Teil I

Interview: Ernährung im Alter – Auf was muss ich achten? Teil I

Im Gespräch mit einer Ernährungsexpertin und einer Logopädin

Mit Gesa Dannemann und Astrid Wessels sprechen wir über den spannenden Bereich der Ernährung. Allgemeines zum Thema, Besonderheiten im Alter, nach einem Schlaganfall oder bei Demenz werden in unserem zweiteiligen Interview diskutiert. Es gibt einiges, auf das Sie achten können, um sich selbst etwas Gutes zu tun! Tauchen Sie ein in wissenswerte Fakten. Im Interview werden viele relevante Fragen beantwortet, z.B. „Wie groß ist eigentlich mein Energie-Grundumsatz und wie berechne ich diesen?“, „Wie viel Fett und Salz sollte ich zu mir nehmen?“ oder „Welches Mineralwasser ist für mich geeignet?“. Viel Spaß beim Lesen des ersten Teils!

Energiebedarf

ClaraVital: Guten Tag Frau Dannemann! Schön, dass Sie für unsere Leserinnen und Leser Zeit gefunden haben! Um gut ins Thema Ernährung zu starten, wären allgemeine Informationen sicher hilfreich. Gibt es allgemeine Richtwerte im Hinblick auf die Ernährung, an die man sich als älterer Mensch halten kann beziehungsweise halten sollte?

Frau Dannemann: Einen schönen guten Tag auch von meiner Seite. Sehr gerne. Ja, es gibt tatsächlich allgemeine Richtwerte, da sich der Nährstoffbedarf ändert. Dies liegt sowohl an der Veränderung von Lebensgewohnheiten und auch des Stoffwechsels. Damit die Stoffwechselvorgänge und natürlich auch alle Organe optimal funktionieren, ist eine vollwertige und bedarfsgerechte Ernährung – mit Blick auf Energie und Nährstoffe – unabdingbar. Das ist für jedes Lebensalter wichtig, um gesund und leistungsfähig zu sein und sich wohl zu fühlen. Eine längerfristig, nicht dem Bedarf entsprechende Ernährung, begünstigt außerdem die Entstehung ernährungsabhängiger Krankheiten. Da kein Lebensmittel alle Nährstoffe enthält, ist eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung sehr wichtig.

Es gibt unterschiedliche Richtwerte für Menschen in unterschiedlichen Altersgruppen. Diese Richtwerte sind vom Grundenergieumsatz und der individuellen Aktivität (Leistungsenergieumsatz) abhängig. Der Grundumsatz ist die Energiemenge, die ein Mensch bei völliger Ruhe (z.B. im Bett) und einer Raumtemperatur von 20 Grad Celsius innerhalb von 24 Stunden braucht, um den Stoffwechsel, Wachstum und Organfunktion aufrecht zu erhalten. Er ist abhängig von Alter, Geschlecht, Körpergröße und Klima. Der Leistungsumsatz ist die Energiemenge, die der Körper bei jeder Art von Bewegung und Muskeltätigkeit (z.B. Gartenarbeit, Joggen oder Spaziergang) braucht. Jener ist abhängig von der Art und Dauer der Muskeltätigkeit. Das Maß für die körperliche Aktivität ist der PAL-Wert. PAL steht für „physical avtivity level“ (zu Deutsch: körperliches Aktivitätslevel / körperlicher Aktivitätsgrad).

Inhaltsstoffe

ClaraVital: Wenn unsere Leser mehr über den PAL-Wert erfahren und Ihren eigenen Energiebedarf errechnen möchten, empfehlen wir unseren Artikel „Energiezufuhr – Wie viele Kalorien sollte ich zu mir nehmen?„. Frau Dannemann, mit Hilfe einer Energiezufuhr-Tabelle von WHO und DGE kann man nun schauen, wie viel Kalorien man täglich zu sich nehmen sollte. Gibt es eigentlich Besonderheiten bei älteren Menschen, was den Energiebedarf angeht? Und gibt es bestimmte Inhaltsstoffe, die besonders wichtig sind?

Frau Dannemann: Ja, im Alter sinkt der Energiebedarf, da der Grundumsatz sinkt und Senioren sich weniger bewegen. Der Vitamin- und Mineralstoffbedarf bleibt dagegen gleich hoch, bzw. ist sogar höher – z.B. aufgrund von Erkrankungen. Besonders wichtig ist ein ausreichender Eiweiß-, Calcium- und Vitamin D-Gehalt. Neben dem Verzehr von Fettfischen, Eigelb und Leber als Vitamin D-Quelle, kann auch ein tägliches, kurzes Sonnenbad zur körpereigenen Vitamin D-Produktion beitragen. Zusätzlich ist aber auch eine ausreichende Zufuhr von Vitamin E (Anm.d.Red.: z.B. Fisch, Öle, Nüsse), Folat (Anm.d.Red.: z.B. Spinat, Vollkornbrot, Rohkost, Kohl), Vitamin C (Anm.d.Red.: z.B. Obst, Säfte, Gemüse) und Magnesium (Anm.d.Red.: z.B. Milchprodukte, Geflügel, Fisch, Bananen) zu beachten.
Neben der Veränderung des Energiebedarfs im Alter, kann es auch zu individuellen körperlichen Veränderungen kommen, wie z.B.:

  • nachlassendes Geruchs-, Geschmacks- und Durstempfinden,
  • Beeinträchtigung von Seh-, Kau- und Schluckvermögen,
  • nachlassende Fingerfertigkeit,
  • verminderte Magendehnung,
  • gesteigerte Aktivität der Sättigungshormone oder
  • verminderter Appetit, z.B. bedingt durch Medikamenteneinnahme.

Diese Veränderungen sind individuell sehr unterschiedlich. Dazu können allerdings noch weitere Faktoren, wie Vergesslichkeit / Verwirrtheit, Behinderungen durch Erkrankungen wie Parkinson oder Einsamkeit kommen, die einen Einfluss auf die Ernährung haben können.

ClaraVital: Gibt es neben den von Ihnen genannten Inhaltsstoffen noch weitere wichtige Hinweise, die Sie unseren Lesern mitgeben können? Wie sieht es zum Beispiel mit dem Salzgehalt oder Lieferdiensten aus?

Frau Dannemann: Viele Senioren leiden, u.a. bedingt durch wenig Bewegung, unter Verdauungsproblemen wie Verstopfungen. Hier kann eine ballaststoffhaltige Ernährung hilfreich sein, ebenso mehr Bewegung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt täglich 30g Ballaststoffe mit der Nahrung aufzunehmen. Ballaststoffe finden sich vornehmlich in

  • Obst, z.B. Äpfel mit Schale,
  • Gemüse und
  • Vollkornprodukten.

In diesem Zusammenhang ist es auch sehr wichtig, auf ein ausreichendes Trinken zu achten.

Fettzufuhr

Frau Dannemann: Die tägliche Fettzufuhr sollte ca. 60g bei Frauen und 80g bei Männern betragen. Fett liefert neben Energie (Anm.d.Red.: ca. 9 Kalorien/g) auch essenzielle Fettsäuren und hilft bei fettlöslichen Vitamine A, D, E und K. Tierische Fette, wie sie beispielsweise in Butter enthalten sind, liefern vornehmlich gesättigte Fettsäuren. Pflanzliche Fette, z.B. Raps- und Olivenöl, enthalten demgegenüber viele ungesättigte Fettsäuren. Bestimmte ungesättigte Fettsäuren sind sehr wertvoll für den menschlichen Körper und können auch nicht selber hergestellt werden, sondern müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Daher sollte man pflanzliche Fette bevorzugen. Eine Ausnahme stellen die Fettfische wie Lachs, Makrele und Hering dar, denn sie liefern die sogenannten Omega-3-Fettsäuren, die einen positiven Einfluss auf die Fließeigenschaften des Blutes haben. Salz sollte vorsichtig verwendet werden.

Salzgehalt

Frau Dannemann: Wer Problem mit zu hohem Blutdruck hat, sollte auf den Salzgehalt seiner Speisen achten.

  • Bei der Zubereitung auf die Verwendung von Kochsalz, Gewürzsalzen und Gewürzmischungen mit Kochsalz verzichten.
  • Nicht zusätzlich salzen!
  • Reichlich frische Kräuter und Gewürze bei der Zubereitung verwenden!
  • Speisen und Gerichte auswählen, die auch ohne Salz gut schmecken (z.B. vegetarische Gerichte, Süßspeisen oder Salate).
  • Vorsicht bei Außerhausverpflegung (Kantine, Restaurant, Schnellimbiss, etc.). Hier wird oft überreichlich gesalzen! Informieren Sie das Küchenpersonal darüber, dass Sie salzarm essen möchten (z.B. Pommes Frites ohne Salz, etc.)

Alltagsgestaltung

Frau Dannemann: Außerdem sollte in Absprache mit dem Arzt und ggf. Ernährungstrainer u.a. folgendes beachtet werden:

  • Moderater Alkoholkonsum
  • Fisch- und Obst- und Gemüseverzehr steigern
  • Gesamtfettzufuhr senken
  • Körperliche Aktivität steigern
  • BMI kleiner als 25 kg/m² (Anm. d. Red.: Hier geht’s zu einem BMI-Rechner)

Bluthochdruck kann durch eine schlechte Ernährung bedingt sein. Dieser schädigt im Laufe der Zeit wichtige Organe wie das Herz, die Herzkranzgefäße, das Gehirn, die Nieren oder die Blutgefäße. Die Folge können lebensbedrohliche Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Gesunden eine tägliche Salzzufuhr von höchstens 6 g. Die Realität sieht leider anders aus, sie liegt bei 9-11 g.

Das richtige Mineralwasser

Trinkritual

Frau Dannemann: Auch das richtige Mineralwasser kann zu einem niedrigeren Blutdruck beitragen. Es sollte auf maximal 20 mg Natrium pro Liter geachtet werden. Das Etikett auf der Flasche zeichnet dieses aus – daher lohnt sich ein Vergleich der unterschiedlichen Sorten. Ein vermindertes Durstgefühl bei Senioren kann unangenehme Folgen wie beispielsweise Konzentrationsschwächen oder häufige Harnwegsinfektionen nach sich ziehen. Daher sollten sie regelmäßig ans Trinken erinnert werden, z.B. mithilfe von Trinkritualen und geeigneten Trinkgefäßen. Weitere mögliche Folgen und hilfreiche Tipps erhalten Sie auch bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Lieferdienste

Frau Dannemann: Sollte das Zubereiten von Speisen ein Problem sein, gibt es geeignete Lieferdienste, über die man Essen beziehen kann. Aber auch Fleischereien oder Restaurants vor Ort bieten Senioren manchmal einen Mittagstisch.
Auch, wenn man aufgrund einer Einschränkung in der Mobilität auf Lieferdienste oder Essen auf Rädern angewiesen sein sollte, können salzreduzierte Gerichte bestellt und nach Hause geliefert werden.
Gerade Personen mit Kau- & Schluckbeschwerden haben Probleme das richtige Essen zu finden. Hier kann der winVitalis Online-Shop helfen.

Häufige Fehler bei der Ernährung

ClaraVital: Dank Ihrer Antworten haben unsere Leser jetzt schon viel Wissen, welches sie nutzen können, um effektiv selbst zu handeln. Gibt es denn vielleicht auch häufige Fehler, die im Bereich Ernährung bei Senioren gemacht werden? Wie könnte man diese verhindern? Welche Voraussetzungen müssen zum Beispiel gegeben sein, um alleine zuhause kochen zu können und was sind häufig auftretende Gefahrenquellen?

Frau Dannemann: Ja, tatsächlich gibt es Fehler, die häufig gemacht werden. Ein typischer Fehler: Es wird zu wenig oder zu einseitig gegessen. Das birgt vor allem ein Risiko: die Mangelernährung. Diese führt zur Verringerung der Abwehrkräfte, zunehmender Immobilität, Apathie, Müdigkeit und zum Abbau von Muskelsubstanz. Außerdem erhöht sich die Krankheitsanfälligkeit und das Sturz- und Frakturrisiko. Mangelernährung hat sogar noch mehr negative Folgen, wie geringe Leistungsfähigkeit, verminderte Wundheilung und Dekubitus, langsameres Genesen und geringere Lebenserwartung. Auch allgemeine Schwäche, erhöhte Komplikationen bei Krankheiten und Operationen, schlechtere Medikamenten- und Therapieverträglichkeit können Folgen einer Mangelernährung sein.

Sturzprophylaxe

All dies kann häufig vermieden werden, wenn man auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung oder passende Diäten achtet. Ob und welche Diäten sinnvoll sind, können Sie mit einem Arzt oder einer Ernährungsexpertin bzw. einem Ernährungsexperten besprechen. Das Thema der Mobilität spielt eine große Rolle, wenn man bedenkt, dass das Einkaufen oder Kochen für manche Personen zur Herausforderung werden kann. Hier können Alltagshelfer oder Pfleger unterstützen.

Körperliche Veränderungen und Schluckbeschwerden

ClaraVital: Das führt uns auch schon zum nächsten Punkt. Mit dem Alterungsprozess kommt es zu körperlichen Veränderungen, wie die Veränderung der bereits genannten Fingerfertigkeit. Welche Auswirkungen hat das auf die Ernährung?

Frau Dannemann: An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es zu vielen verschiedenen körperlichen Veränderungen im Alter kommen kann, die aber sehr individuell und unterschiedlich ausgeprägt sind. Beginnen wir nun mit der Fingerfertigkeit und gehen näher darauf ein. Mit fehlender Fingerfertigkeit ist das Säubern und die Zubereitung von (Mittags-) Mahlzeiten mühsam. Neben dem Sehvermögen nimmt auch der Geruchssinn im Alter ab. Das kann dazu führen, dass Lebensmittel nicht mehr richtig erkannt werden und sich das Geschmacksempfinden verändert Einige Lebensmittel oder Speisen schmecken dann unter Umständen schneller fad oder eintönig. Somit kann es dazu kommen, dass Betroffene weniger Appetit und kaum mehr Spaß am Essen haben.

Liegt eine Beeinträchtigung des Kau- und Schluckvermögens vor, so hat diese nicht zuletzt auch Auswirkungen auf das Esseverhalten und erschwert das Essen. (Anm. d. Red.: Mehr zu Schluckbeschwerden erfahren Sie auch im zweiten Teil unseres Interviews.) Häufig haben Betroffene Angst vor dem Essen bzw. können nicht mehr alles essen. Auch das kann eine Mangelernährung zur Folge haben. Kommen dazu dann noch appetithemmende Medikamente, wird der negative Effekt noch verstärkt.

ClaraVital: Das klingt alles ziemlich belastend. Daher möchte ich an dieser Stelle noch hinzufügen, dass es Wege gibt, mit diesen Veränderungen umzugehen und glücklich zu leben. Haben Sie, Frau Dannemann, spezifische Tipps für unsere Leserinnen und Leser?

Frau Dannemann: Die aufgeführten körperlichen Veränderungen und Auswirkungen sind sehr individuell. Ich kenne viele ältere Menschen, die weniger essen, aber noch gut schmecken und Spaß am Essen haben, d.h. sich auf die Mahlzeiten freuen. Einfach weil es ihnen schmeckt.

Sollte selbst gekocht werden, können Ernährungstipps vom Ernährungsberater oder von seriösen Informationsseiten im Internet, wie beispielsweise der Deutschen Schlaganfallhilfe oder dem Deutschen Ernährungsberatungs- und -informationsnetz, eingeholt werden.

Ernährungspläne

ClaraVital: Vielen Dank, für die wertvollen Tipps! Bezüglich der Ernährungspläne fragen sich sicherlich viele Leser, wie diese gut in den Alltag integriert werden können? Eine schlechte Ernährung kann eine der Ursachen für einen Schlaganfall oder Übergewicht sein, welches das Schlaganfallrisiko erhöht. Auch in Anbetracht dieser Gefahren können Ernährungspläne helfen, oder?

Disziplin-Offenheit-Veränderung

Frau Dannemann: Es ist wichtig, dass sich die betroffene Person diszipliniert an den Plan hält. Macht man immer wieder „Ausnahmen“, hilft der beste Plan nicht. Es hilft sicher auch, wenn man sich für Veränderungen öffnet. Möglicherweise helfen Erinnerungszettel oder ein Handywecker, der die Betroffenen immer an den Ernährungsplan erinnert. Allerdings muss jeder für sich selbst entscheiden, ob ihm oder ihr sowas helfen kann.

ClaraVital: Disziplin, Offenheit und Veränderungsbereitschaft sind also, so schwer es fallen mag, wesentliche Erfolgsfaktoren um die Veränderungen umzusetzen und gesünder zu leben.

Das Stichwort Schlaganfall fiel bereits. Im zweiten Teil des Interviews, gehen wir genauer auf den Themenkomplex „Ernährung und Schlaganfall“ sowie die damit häufig in Verbindung stehenden Schluckbeschwerden ein. Dafür schließt sich uns Astrid Wessels, eine Logopädin und Fachtherapeutin für Dysphagie (Schluckstörungen), an. Fahren Sie direkt mit der Lektüre des zweiten Teils unseres Experteninterviews zur Ernährung in besonderen Fällen fort.

 

Angaben zum Interview

Gesa Dannemann apetito AG width=Gesa Dannemann

Diplom-Oecotrophologin
Fachbereich: Ernährung

Gesa Dannemann arbeitet bei der apetito AG in der Abteilung Ernährungswissenschaft und -beratung mit dem Schwerpunkt Seniorenernährung. Sie sagt:
Essen hält Leib und Seele zusammen!

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